Wie COVID-19 den Wandel zum digitalen Lernen weiter beschleunigt

Dieser Beitrag dient der Vorbereitung für die Keynote bei der Jahrestagung des Projekts HD@DH.nrw am 26. und 27. November 2020. Titel meines Vortrags ist „Digitale Bildung und die lernende Hochschule“. Klingt schon sehr programmatisch und tatsächlich versuche ich mit denen Gedanken anzuregen, Hochschule anders als bisher zu denken. Warum das wichtig ist, werde ich im Anschluss an den Teil zu COVID-19 darlegen. Mit COVID-19 zu beginnen hat den Vorteil, dass es ein Thema ist, zu dem sich gerade sehr viele Menschen verhalten (müssen). Jede:r hat erlebt, was es heißt, digitale Lehre zu machen, E-Learning ist also kein Zukunftsthema mehr, sondern in der Gegenwart (endlich) angekommen. 

Um darzustellen, wie die Corona-Krise an den Hochschulen gemeistert wurde und wie die digitale Umstellung geklappt hat, werde ich die Ergebnisse und Handlungsempfehlungen einer Reihe von Studien vorstellen. Für weitere Übersichten empfiehlt sich dieses Padlet und der Twitter-Hashtag #Coronabegleitforschung. Die nachfolgenden Studien nehmen eine übergeordnete Sicht ein: 

Von HIS-HE

  • ExpertInnenbefragung zum digitalen Sommersemester (EDiS) (Folien aus dem Lightning Talk)
  • Befragung von Hochschulleitungen zur (digitalen) Lehre im Wintersemester 2020/21 (Präsentation)

Von der TU Hamburg

  • Überblick zu Hochschulbefragungen in Zeiten von Corona 

Vom MMB-Institut

  • Veränderungsprozesse in Unterstützungsstrukturen für Lehre an deutschen Hochschulen in der Corona-Krise (Fact-Sheet)

Von VDI/VDE-IT

  • Maßnahmen von Hochschulen, Hochschulverbünden und Politik im Kontext der Covid-19-Pandemie (Folien aus dem Lightning Talk)

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und auch vor dem Hintergrund, dass manche Studien noch nicht vollständig ausgewertet sind, werde ich auf einige für mich zentrale Befunde eingehen.

Technische Infrastruktur

Die technische Ausstattung hat den Stresstest weitgehend bestanden. Es mussten zu Beginn des Sommersemesters zusätzliche Lizenzen für Video-Konferenz-Systeme angeschafft werden, das ging aber erstaunlich schnell und innerhalb kurzer Zeit konnte Seminare und Vorlesungen digital stattfinden. Schaut man sich dazu Erhebungen zum Stand der Digitalisierung vor COVID-19 (z.B. diese Studie aus 2019), dann sind die aktuellen Anstrengungen hoch einzuschätzen. Denn nur ca. 1/3 der befragten Hochschulen gaben an, einen hohen bzw. sehr hohen Stand der Digitalisierung im Bereich Lehren und Lernen erreicht zu haben. Demgegenüber standen über 80% der Befragten, die der Digitalisierung einen hohen bzw. sehr hohen Stellenwert an ihren Hochschule zuschrieben. Auf Seiten der Studierenden waren die technischen Voraussetzungen, um an Online-Veranstaltungen teilzunehmen in der allergrößten Mehrheit vorhanden (siehe z.B. die Studierenden-Befragung der Universität Göttingen).

Didaktische Szenarien

Durch die Schließung der Hochschulen war keine Präsenzlehre mehr möglich, doch dienten die Formate Vorlesung, Seminar und Übung als Blaupause und wurden oft einfach 1:1 digitalisiert. Das heißt z.B., dass die Vorlesung oder das Seminar zur gleichen Zeit und in gleicher Länge online als Webinar stattfand (siehe hier). Dem gegenüber steht jedoch der Wunsch der Studierenden nach flexibleren Angeboten für ein zeitunabhängiges Selbststudium gegenüber (wie etwa hier). Insgesamt wurde die Umstellung auf digitale Lehrformate von der großen Mehrheit als gelungen bezeichnet (z.B. hier).

Support-Angebote für digitale Lehre

In der Befragung der Hochschulleitungen von HIS-HE gaben über 50% der Befragten an, dass es einen sehr hohen Bedarf für technischen und didaktischen Support für Lehrende gibt bzw. sahen einen grundlegenden Bedarf an Neuentwicklungen. Ähnlich schätzt es auch die Studie der bayerischen Hochschulen für angewandte Wissenschaften ein. Als wichtig werden dann auch kooperative Strukturen und eine verstärkte Zusammenarbeit im Zusammenhang mit der digitalen Lehre gewertet. Aus der weiter zurückliegenden Forschung wissen wir zudem, dass sich Netzwerke oft aus Lehrenden zusammensetzen, die ähnliche Werte und pädagogische Überzeugungen teilen. Aus diesen Netzwerken entstehen Hubs, die sich mit bestimmten didaktischen Szenarien (wie beispielsweise Remote Labore) beschäftigen. Hochschulübergreifend sind solche Hubs auch bereits aktiv, wie in dieser HFD Community Working Group.

Auf dem Weg in eine Kultur der Digitalität?

In der Studie der bayerischen HAWs wird die These vertreten, dass es noch an Ideen und Strategien fehlt, die veränderte Haltung der Lehrenden zukünftig innerhalb der Organisation aufrechtzuerhalten. Dabei geht es um Offenheit und Neugier zum Umgang mit Neuem (was auf mehr als die Hälfte der Lehrenden zutrifft) und dem Abbau von Kommunikationsbarrieren. Ein aufgeklärtes und reflektierte Verständnis digitaler Lehre, das über das Umgehen mit Tools oder das Übertragen von Vorlesungen in Online-Vorlesungen hinausgeht, fehlt noch. Tatsächlich werden akademische Kulturen – so wie hier beschrieben wird – als weitgehend konservativ wahrgenommen. Um dies aufzubrechen braucht es einen guten Informationsfluss zwischen Netzwerken und Hubs und Reorganisation innerhalb der Hochschulen (z.B. wenn eine neue Lehrstrategie eingeführt wird).

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