Vorbereitung für die Ringvorlesung „Was ist Universität?“

Anfang Mai werde ich im Rahmen der Ringvorlesung „Was ist Universität?“ an der Goethe Universität Frankfurt sprechen. Mein Vortrag trägt den Titel „Das Versprechen der digitalen Bildung und die Rolle der Hochschule“. Hier im Blog werde ich meine Vorbereitungen dazu dokumentieren.

These

Im Vortrag möchte ich die These bearbeiten, dass sich durch die COVID-19-Pandemie die Digitalisierung der Hochschule enorm beschleunigt hat und Entwicklungen in Gang gesetzt hat, die zum Teil bis in die 1990er-Jahre zurückreichen (beispielsweise E-Learning, wozu ich hier etwas zusammengestellt habe). Bereits seit vielen Jahren gibt es in den Hochschulen oder auf Landesebene E-Learning-Einrichtungen, die Angebote und Beratung für Lehrende bereithalten, um ihnen den Einstieg zu erleichtern. Über viele Jahre war die Nachfrage eher gering, da E-Learning keine zentrale Rolle für die Hochschulbildung spielte, sondern dem Konzept der Anreicherung folgte.

Man könnte somit von einer günstigen Ausgangslage sprechen, da durch Corona erstmalig digitale Werkzeuge flächendeckend in der Lehre eingesetzt werden (provokativ wurde dies auch als „Zwangsdigitalisierung“ bezeichnet). Tatsächlich haben wir es mit einer komplexen und herausfordernden Ausgangslage zu tun. Denn „digitale Bildung“ ist in den letzten Jahren zu einem globalen Geschäftsfeld geworden und in den Fokus von Politik und Wirtschaft gerückt. Die Hochschulen haben diese Entwicklung bisher lediglich begleitet, ohne entscheidenden Einfluss zu nehmen. Das hängt auch mit der Entwicklung der Technologie und der Macht globaler Unternehmen wie Google, Amazon, Facebook oder Apple zusammen. Es lassen sich, dem Buch „How Colleges Change“ folgend, weitere Faktoren anführen, die aufzeigen, wie sehr sich die Welt um die Hochschulen herum geändert hat: Ökonomisierung der Bildung (Bildung ist zu einer Ware geworden und wird auf einem Markt weltweit gehandelt), der Wandel von der Industrie- zur Wissensgesellschaft, die Heterogenität der Studierendenschaft oder die neuen Erkenntnisse darüber, wie Menschen lernen. All das ist im Zusammenhang mit den weitreichenden Reformen der Hochschulsteuerung in den letzten Jahren zu stellen: 

Governance und NPM [New Public Management] sind Teil einer Reformagenda zur Modernisierung von Hochschulen (als Teil des öffentlichen Sektors), in deren Rahmen die Hochschulen in die Lage versetzt werden sollen, besser und flexibler auf gesellschaftliche und ökonomische Bedarfslagen in den entstehenden Wissensgesellschaften zu reagieren.

Kehm, B. M. (2012). Hochschulen als besondere und unvollständige Organisationen? – Neue Theorien zur ‚Organisation Hochschule‘. In U. Wilkesmann & C. J. Schmid (Hrsg.), Hochschule als Organisation (S. 17–25). VS Verlag für Sozialwissenschaften. http://link.springer.com/10.1007/978-3-531-18770-9_1

Somit ist die oben gemachte Aussage, wonach wir es gerade mit einer günstigen Ausgangslage für die Digitalisierung an den Hochschulen zu tun haben, zu relativeren. Es ist nämlich auch herausfordernder und komplexer für die Hochschulen geworden, die digitale Transformation mitzugestalten. Die Deutungshoheit über Bildung liegt nicht mehr nur bei den Hochschulen bzw. Hochschulen kommen mit ihren Vorstellungen zu Bildung und deren Umsetzung (d.h. die Lehrpraxis) an Grenzen. Das sehen wir aktuell daran, dass auch im dritten „Corona-Semester“ die Lehre größtenteils nur digital stattfinden kann, was zu erheblichen Einschränkungen – gerade für Erstsemster:innen – führt. Während über die Öffnung der Schule seit Monaten intensiv diskutiert wird, bleibt eine Öffnungsperspektive für die Hochschulen aus. Ein besorgter Geschichtsprofessor malt im Tagesspiegel bereits ein düsteres Szenario für eine virtuelle Hochschule im Jahr 2030 als Konsequenz der COVID-19-Pandemie.

Gefordert werden Hybrid-Konzepte, mit denen sich metaphorisch gesprochen das Beste aus der digitalen und der physischen Welt verbinden lässt. Bisher ist die Entwicklung solcher Ansätze noch nicht wirklich weit gekommen, was jedoch auch an den immer noch geschlossenen Hochschulgebäuden liegt. Was es darüberhinaus braucht, sind neue Ideen, Visionen, Imaginationen über die Hochschule und die Bildung in der digitalen Welt (siehe dazu hier meinen Beitrag zur „Lernenden Hochschule“). Wie ich weiter oben argumentiert habe, sind die Hochschulen heute in eine Umwelt bzw. Ökosystem eingebunden, was nach anderen Regeln abläuft als noch vor 10 der 20 Jahren. Die bisherigen Strategien der Hochschulen drohen ins Leere zu laufen, da sie nicht ausreichend an der Realität geschärft sind.

Wie sich Hochschulen in dieser komplexen Situation orientieren und positionieren können, zeige ich in weiteren Posts auf.

One Thought to “Vorbereitung für die Ringvorlesung „Was ist Universität?“”

  1. Ich finde, dass sind sehr richtige und bedenkenswerte Beobachtungen. Ich befürchte auch, dass die Bandbreite zwischen dem Gelingen oder Scheitern von Bemühungen zur Digitalisierung sehr breit ausfällt. Möglich ist, dass die getroffenen Maßnahmen nach der Pandemie mit Abstand und Augenmaß evaluiert werden und man systematisch entscheidet, was gut oder schlecht funktioniert hat und was wann angemessen erscheint. Andererseits könnten sich auch Ermüdungserscheinungen zeigen, die dazu führen, dass man mit der von Dir genannten „Zwangsdigitalisierung“ das ganze Digitalisierungsthema nun erledigt hat und die Konzepte ja da sind.
    Ich würde mir wünschen, das auch die Diskussion um Bildungsziele neuen Schwung erhält. Über Online-Klausuren wird gerade viel gemeckert, weil sie sehr aufwändig sind. Ich würde argumentieren, dass das simple Abfragen von (kanonischem) Wissen ein Relikt aus Zeiten ist, in denen an Informationen schwer heranzukommen war. Heute müsste vielleicht das Verstehen des aus der Wikipedia kopierten Textfetzens ein zentraler Skill werden, dann kann Copy&Paste eine akzeptable Praxis sein. Und so weiter. Leider ist das eine politische Diskussion, die massiv aus der Wissenschaft heraus befördert werden muss und wir sehen ja gerade, wie schwierig es selbst für die Medizin ist, gehört zu werden. Und dass Journalismus nur eingeschränkt hilfreich ist.

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