Dokumentation des Vortrags „Digitale Bildung und die lernende Hochschule“

Am letzten Donnerstag war es soweit. mein Vortrag fand im Rahmen der Jahrestagung des Projekts HD@DH.NRW statt. Ich hatte im Vorfeld schon drei Beiträge dazu veröffentlicht, die jeweils ein Kapitel des Vortrags betrafen.

Im ersten Teil ging es um das Thema – das bei einer „Digital-Tagung“ nicht fehlen darf, da es doch wie ein Brennglas auf Probleme und Herausforderungen der digitalen Transformation im Bildungssystem hinweist.

Zur weiteren Vertiefung mit den Auswirkungen von Corona auf das Sommersemester liegen eine Reihe von Studien (noch nicht alle veröffentlicht) vor:

HIS-HE

  • ExpertInnenbefragung zum digitalen Sommersemester (EDiS) (Folien aus dem Lightning Talk)
  • Befragung von Hochschulleitungen zur (digitalen) Lehre im Wintersemester 2020/21 (Präsentation)

MMB-Institut: Veränderungsprozesse in Unterstützungsstrukturen für Lehre an deutschen Hochschulen in der Corona-Krise (Fact-Sheet)

VDI/VDE-IT: Maßnahmen von Hochschulen, Hochschulverbünden und Politik im Kontext der Covid-19-Pandemie (Folien aus dem Lightning Talk)

Sowie unter:

#Coronabegleitforschung

Was durch die Studien aufgedeckt wurde, sind zentrale Baustellen wie rechtliche und organisatorische Rahmenbedingungen. In den Lehrverpflichtungsverordnungen (LVVO) wird geregelt, inwieweit der Aufwand für die Erstellung und Durchführung digitaler Lehre auf das Lehrdeputat anrechenbar ist. An der Universität Freiburg findet sich dazu beispielsweise:

Die Durchführung digitaler Lehre, die mit Betreuungsaufwand verbunden ist, kann auf die Lehrverpflichtung in derselben Höhe angerechnet werden wie die entsprechende Präsenzlehre (§ 3 Abs. 2 Satz 5-8 LVVO), sofern ein entsprechender Zeitaufwand für Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung anzusetzen ist.
Hingegen kann der Zeitaufwand für die Erstellung von digitalen Lehrveranstaltungen (ohne deren Durchführung) für max. zwei Jahre mit bis zu 25% der individuellen Lehrverpflichtung gem. § 3 Abs. 7 LVVO angerechnet werden.

Leitfaden zur Handhabung der Lehrverpflichtungsverordnung (LVVO) vom 23.09.2016 Universität Freiburg

Da die LVVO weiterhin gelten, soll die eingeräumte Flexibilität bestmöglich ausgenutzt werden, wie etwa hier in einem Interview mit der Präsidentin der Humboldt Universität betont wird. Den zum Teil nicht unerheblichen Mehraufwand für die erstmalige Erstellung von Konzepten für die digitale Lehre bzw. den Aufwand für die fortwährende Überarbeitung ist entsprechend zu berücksichtigen. Dafür braucht es neue Mechanismen und Kriterien, die auf die Besonderheiten digitaler Lehre abgestellt sind (z.B. gemeinsame Erstellung und Durchführung, wie bei Lehren und Lernen unter den Bedingungen von Digitalisierung und Digitalität).

Rechtliche Reformen, technologische und didaktische Innovationen im Sinne eines digitalen Bildungsökosystems sind für mich Voraussetzungen, den nun spürbaren Wind of Change zu nutzen für nachhaltige Transformationen. Dabei stehen wir noch am Anfang…

Es ist allerdings seit einiger Zeit ein Wandel zum Lernen in Gange. Mit dieser These aus dem Buch „Learning innovation and the future of higher education“, wollte ich aufzeigen, dass die oft geforderte Disruption des Bildungssystems eine Sackgasse ist. Hochschulen müssen nicht zerschlagen oder aufgegliedert werden, sondern re-organisiert und zwar so, dass das Lernen der Studierenden konsequent in den Mittelpunkt der Aktivitäten gestellt wird. Anhand von bestimmten Trends, die in den letzten Jahren stattgefunden haben, versuchen die Autoren die Innovation innerhalb der Hochschulen aufzuzeigen.

Da das Buch den Fokus stark / fast ausschließlich auf Nordamerika gelegt hat, bin ich auf die Suche nach ähnlichen Trends in Europa und Deutschland gegangen.

Zum Aspekt der Micro-Credentials gibt es ganz aktuell auch Bewegung.

Ich gehe damit über zum zweiten Teil: Hochschulen als sozio-technische Regime in veränderten Umwelten. Es geht nun etwas theoretischer und grundsätzlicher um die Frage, wie und warum Innovationen oder Transitionen in der Gesellschaft passieren. Alle, die sich schon länger mit dem Thema E-Learning oder digitalen Medien in der Lehre beschäftigen kennen die gutgemeinten Initiativen und Projekte, die als Innovation vorgegeben und gestartet werden, dann aber (oft) leider im Sand verlaufen bzw. keine nachhaltige Veränderung auslösen. Ich habe z.B. 2013 an der FernUniversität den MOOC „Entdecke die Insel der Forschung“ mit-veranstaltet und in der Hoffnung, dass sich dadurch die Bedeutung von Videos in der Fernlehre erhöht. Es wurde tatsächlich das bestehende Video-Studio kräftig ausgebaut, die Nutzung – etwa in Form von neuen Formaten in der Lehre – blieb aber erstmal überschaubar bzw. beschränkte sich auf Vorlesung. Warum hier nicht die Chance genutzt wurde, an das reichhaltige Erbe der technologie-gestützen Fernlehre wie dem Bildungsfernsehen anzuknüpfen und mit den aktuellen technologischen Mittel fortzuführen, hat sich mir nicht erschlossen.

Was ich dagegen verstehen kann, ist der Frust, so wie ihn Peter England hier zum Ausdruck bringt.

Eine Erklärung, warum es oft so ist, soll das Mehr-Ebenen-Modell liefern, das ich aus der Transitions-Forschung entdeckt habe und für die Hochschulen adaptiere.

Dabei ist die Hochschule auf der mittleren Ebene als ein sozio-technisches Regime verstanden, die durch ihre Regeln, Konventionen, Technologien und die beteiligten Menschen sehr stabil sind. Veränderungen finden in aller Regel nur langsam über einen längeren Zeitraum statt. Auf der unteren Ebene ist die Nische als Inkubator für Innovationen. Hier gelten die Regeln des Regimes nicht so sehr, sondern es ist ein Schutz- und Experimentierraum. Neuerungen wie die Open Educational Resources, die 2001 vom MIT ausgerufen wurden, fallen darunter. Pionier:innen engagieren sich mit Flipped / Inverted Classroom und zeigen auf, wie Lehre anders gedacht und realisiert werden kann. Es bleibt aber oft unter dem Radar – von meinem MOOC 2013 gibt es zwar noch die Videos, die auch vereinzelt genutzt werden, aber nachhaltige Veränderungen in Bezug auf die Strukturen und Prozesse gab es keine.

Eine entscheidende Rolle für den fehlenden „uptake“ einer Innovation ist die oberste Landschaftsebene. Hier liegen unsere kollektiven Vorstellungen (soziale Imaginationen) darüber, wie die Welt aufgebaut ist und funktioniert. So kannte etwa die soziale Imagination über die Fernlehre 2013 keine MOOCs oder sah sie als Bedrohung für das eigene Geschäftsmodell an. Wie Fernlehre funktioniert hatte wenig Überschneidungen mit dem konnektivistischen Modell, an dem wir uns orientierten.

Wie in dem obigen Zitat ausgedrückt wird, haben soziale oder pädagogische Imaginationen eine herausragende Bedeutung für die Gesellschaft. Damit werden Denk- und Handlungsformatierungen vorgenommen – auch zur Orientierung und Komplexitätsreduktion bei Themen wie Globalisierung oder der digitalen Transformation. Wir glauben durch prägende Diskurse, Narrative, Metaphern und Bilder, dass die Digitalisierung viel mit Automatisierung, Effizienz und Personalisierung zu tun hat und darum wichtig ist. Andere pädagogische Vorstellungen, die zum Beispiel wie bei Gerd Biesta immer wieder die „Learnification“ der Bildung kritisieren, haben es schwer Gehör zu finden.

(…) learnification first of all happens at the level of language so it has to do with the fact that in the way in which people talk about education issues we see this notion of learning emerging in all kinds of ways. (…) My main problem with the language of learning is that I would say the point of education is not that students learn. (…) But most importantly with the purposes of the learning and I see in a lot of the language of learning that this question of purpose is either not asked or it’s already answered in a particular way.

Interview mit Gerd Biesta: https://architectureandeducation.org/2015/05/24/what-are-schools-for-gert-biesta-on-the-learnification-of-school-buildings-and-education/

Darum plädiere ich dafür, Alternativen zum gängigen neoliberalen bzw. gerade entstehenden digitalen Narrativ zu entwickeln. Das ist zunächst eine Aufgabe der Imagination, des gemeinsamen Vorstellens der Art und Weise, was die Hochschule in der digitalen Zeit ist und welche Ziele und Zwecke sie erfüllt. Das kann im besten Fall die tägliche Praxis anleiten bzw. das Handeln im Alltag der Hochschule zahlt auf die soziale Imagination ein.

Für diese spannende und wichtige Aufgabe sollten wir uns die Zeit nehmen. Meine Überlegungen kreisen um die Figur einer „lernenden Hochschule“ und die sich so (neu) ausrichtet, dass das Lernen konsequenter im Zentrum steht. Gleichzeitig sollte die Lehre nicht als Coaching oder Facilitation entwertet werden, sondern neu bestimmt und entdeckt. Gerd Biesta in diesem Artikel philosophisch argumentiert, warum das selbstgesteuerte Lernen ohne Kontakt zu einem menschlichen Lehrenden keine so gute Idee ist.

Meine Idee der lernenden Hochschule habe ich zum Schluss auf dieser Folie dargestellt – als Work in Progress und Food for thought.

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