Hochschulen als sozio-technische Regime in veränderten Umwelten

Mit diesem dritten Beitrag (Teil 1 und Teil 2) schiebe ich eine theoretische Fundierung für meinen Vortrag ein. Vor dem Hintergrund der aufgezeigten Veränderungen hin zum Lernen und der zusätzlichen katalysierenden Wirkung von COVID-19 bietet sich gerade eine günstige Gelegenheit, Hochschulbildung für das digitale Zeitalter umzugestalten.

 

Damit dieser Wind of Change nicht wieder verweht, ist ein fundiertes Verständnis zu Innovation als gesellschaftliche Veränderungsprozesse wichtig. Ich greife auf Erkenntnisse der Transitions-Forschung, die in den letzten Jahren eine neue Perspektive in den wissenschaftlichen und politischen Nachhaltigkeitsdiskurs gebracht hat. Erklärt werden sollte, warum sich fossile Energien so hartnäckig halten, wo uns doch allen deren Endlichkeit und Gefährdungspotential für die Umwelt bewusst ist (bzw. sein sollte). Es ist schwierig, nachhaltigere Produktions-, Konsums und Verhaltensmuster aufzubauen. Die Transitions-Forschung setzt genau da an und analysiert Transformationen im Kontext gesellschaftlicher Funktionssystem. Dazu hat sich eine Multi-Level-Perspektive etabliert, die sich aus drei Ebenen zusammensetzt (siehe Abbildung unten). Dieses generelle Modell lässt sich auch auf die Hochschulen und der Transformation von einem analogen zu einem post-digitalen Verständnis und Handlungsmodell adaptieren.

Das Modell beruht auf der Annahme, dass (radikale) Innovationen in Nischen entstehen, die einen Schonraum darstellen und dadurch Möglichkeiten zum Experimentieren bieten. In der Nische gibt es weniger Strukturen und mehr Gestaltungsraum für neue Praktiken und Ideen. Ein Beispiel wären Open Educational Resources und dabei lässt sich auch eine Besonderheit von Nischen verdeutlichen. Sie können aktiv hergestellt werden, so als 2001 das MIT beschloss, eine neue Initiative zu starten und von fast allen ihrer 2000 Kurse die Inhalte frei über das Netz anzubieten. Das war (und ist es heute eigentlich immer noch) eine Innovation, die es so noch nicht gab. Mit OER verbunden sind neue kulturelle Praktiken, wie das Teilen von Materialien ohne direkte Gegenleistung oder das Weiterverwenden und Adaptieren von Inhalten, die andere erstellt haben. Wie sich diese Innovationen durchsetzen, hängt allerdings von Bedingungen auf der nächst höheren Ebene, dem sozio-technischen Regime ab. Diese ist von zentraler Bedeutung für das Modell und beschreibt relativ stabile bestehende Konfigurationen institutioneller und materieller Elemente, die in bestimmten sozialen Netzwerk eingebunden sind. Prägend sind hier weiterhin Regeln, Konventionen und ökonomische und technische Strukturen. Hochschulen lassen sich als sozio-technische Regime auffassen: sie sind seit langer Zeit sehr stabil und es kommt nur zu inkrementellen Veränderungen. Weiterhin charakteristisch ist die Beschaffenheit als „loosely couples systems“, d.h. Fakultäten, Verwaltung, Rechenzentrum, Bibliothek usw. sind relativ autonom und es kommt zu Spannungen und Konflikten innerhalb der Hochschule.

Über den Nischen und dem sozio-technischen Regime schwebt die sog. Landschaftebene, die auch als „Großwetterlage“ verstanden werden kann. Es geht um unsere kollektiven Vorstellungen (Social Imaginaries), wie die Dinge in der Welt funktionieren (Weltbilder). Diese sind nicht in Stein gemeißelt, sondern verändern sich im Laufe der Zeit durch gesellschaftliche Praktiken. So ist beispielsweise das Denken im Kontext des Nationalstaates durch die Vorstellung der Globalisierung in den letzten Jahren abgelöst worden (siehe dazu den Artikel „US Universities and the Production of the Global Imaginary“). Auch die Vorstellung der Wissensgesellschaft und die zunehmende Kommodifizierung der Bildung (Wissen als Ware) sind zu nennen. Zwar bleibt die grundlegende Vorstellung der Freiheit von Forschung und Lehre auch weiter eine soziale Imagination, wird aber herausgefordert von neuen sozialen Vorstellungen zur unternehmerischen Hochschule / Corporate University. Es lässt sich zudem argumentieren, dass die digitale Transformation mittlerweile auch den Status einer sozialen Imagination hat und verbunden wird beispielsweise mit Automatisierung und Disruption. Es kommt zu Überlappungen zur „Globalisierung“, etwa im Zusammenhang mit dem Leitkriterium Effizienz.

Meine These ist dann, dass durch COVID-19 es zu Erschütterungen und Irritationen auf der Landschaftsebene kommt. In der Theorie wird angenommen, dass es keine direkten Einflussnahmen von der mittleren Ebene gibt, sondern eher durch Naturkatastrophen (die Nuklearkatastrophe von Fukushima und das Umdenken in der Energiepolitik) oder durch politische Umstürze (der Fall der Berliner Mauer und das Ende der Geschichte). Aktuell zeigt der Diskurs zum digitalen Lernen als „new normal“ auch ein Umdenken der Vorstellungen darüber, wie Hochschule die Lehre organisieren.

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