Forschungsprogramm Digital Teaching & Learning

Bei diesem Vortrag geht es um ein Forschungsprogramm, das sich aus dem aktuellen Stand zu Digital Teaching & Learning ableitet. Das Forschungsprogramm soll praktische Umsetzungsmöglichkeiten bieten für Lehre, Aus- und Weiterbildung.

Stand der Forschung – einordnende Überlegungen

Die erste Frage, die sich dabei stellt, betrifft die Eingrenzung des Forschungsfeldes. Was wird alles untersucht? Was sind die zentralen Befunde? Was sind die Lücken? Welche neuen Themen sollten erschlossen werden und welche eher nicht?

Erschlossen werden kann der Forschungsstand prinzipiell über Veröffentlichungen in Fachzeitschriften, Präsentationen wie Keynotes auf einschlägigen Fachtagungen und über öffentlich oder privat finanzierte Forschungsprojekte.

Digital learning & teaching klingt für mich nach einer modernisierten Variante des E-Learning, zu dem es seit über 20 Jahren Forschung gibt. Hintergrund damals wie heute sind technologische Innovationen (technologische Revolution, digitale Transformation), mit denen die bisherigen Lehr- und Lernpraktiken in Bildungseinrichtungen herausgefordert werden. Mit den technischen Neuerungen sind immer Erwartungen verbunden, dass sich dadurch auch das Lernen und Lehren erneuert. Das führt zu Claims wie „New Learning“ – das Lernen neu denken – oder „Future Skills“, die nun gebraucht werden, um sich dem rasanten Wandel anzupassen. Ende März sollte es zu „New Learning“ ein Symposium der FernUniversität in Hagen geben, das Corona-bedingt abgesagt werden musste. Schade, denn so bleibt weiter offen, was das Neue am Lernen nun sein soll.

Mit der Forderung nach „New Learning“ verbunden ist die Annahme (bzw. Mißtrauen), dass das Lernen und Lehren an Hochschule und Schule veraltet sei und dringend reformiert werden müsse (siehe dazu diesen Artikel, der sich mit der „neuen Lernkultur“ als normativem Begriff auseinandersetzt). So ist die Methode Vorlesung völlig aus der Zeit gefallen, da das Wissen, was in 90 Minuten monoton an eine begrenzte Studierendenschaft vermittelt wird, viel besser und effektiver über das Internet zugänglich ist. Ein anderer lang anhaltender Kritikpunkt betrifft die Abschlüsse und die damit verbundenen Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Als Eintrittskarte ist ein Hochschulzertifikat noch relevant, aber die im Studium vermittelten Fähigkeiten und Kompetenzen passen schlecht zu den Anforderungen des digitalen Arbeitsmarkts. Auf der anderen Seite tun sich Bildungseinrichtungen schwer mit neuen Technologien (auf der Ebene der Lehrkräfte oder der Administration und Regulierung des Einsatzes in der Lehre, Anrechnung digitaler Lehre auf das Deputat). Man könnte hier vom Unbehagen der Schule/Hochschule mit der Technik sprechen. Es ist ein schwieriges, da auf unbegründeten und verzerrten Annahmen beruhendes Verhältnis, das sich gegenseitig verstärkt. Das betrifft beispielsweise die empirische Evidenz der Effektivität von Bildungstechnologien, die oft nicht eindeutig und generalisierbar ist.

Technologien sind mit Aspekten wie Innovation, Kreativität, Effektivität verbunden und positiv konnotiert. Die Annahme ist oft, dass mit neuen Technologien sich Veränderungen des Lehrens und Lernens erreichen lassen (technologischer Determinismus). Demgegenüber steht die konservative Sicht von Bildungsinstitutionen, die sich als Bewahrer*innen von Kultur und Werten verstehen und darum skeptisch auf Innovation von außen reagieren. Auch lösen technologische Innovationen im Bildungsbereich oft Ängste aus, dass E-Learning, MOOCs, Roboter, KI…die Lehrenden ersetzen. Das findet sich mit jeder neuen Technologien und wird auch von Politik und Anbieter*innen mittlerweile erkannt. Darum spricht man beispielsweise nun von „Assistenz-Systemen“, um das Framing weg von der Ersetzung zu legen (hier ein Beispiel aus einer Förderbekanntmachung).

Mit dieser Unterstützungs-Beziehung lässt sich auch noch ein wichtiger Punkt machen. Digitale Technologien sind zum integralen Bestandteil der Gesellschaft, des Alltags- und Berufslebens und der Bildung geworden. Das ist keine triviale Erkenntnis, sondern ein sich bewusst zu machender gedanklicher Schritt. Mit dem Begriff der Digitalität werden konsequenterweise auch die nicht-technischen Aspekte, d.h. das Soziale und Kulturelle als wichtige Komponenten im Transformationsprozess hervorgehoben. Digitalität muss darum als „(…) umfassendes Bedingungsgefüge von kulturellen, ästhetischen, technologischen und medialen Aspekten verstanden werden“ (Quelle, S. 7). Dabei geht es darum, dass die omnipräsenten digitalen Infrastrukturen so tief in den Alltag eingesickert sind, dass daran nichts mehr Neues ist, dass die damit ermöglichten Praktiken eine breite Masse erreicht haben und dass sie auch auf nichtdigitale Praktiken zurückwirkten. Digitalisierung sollte darum als kulturhistorischer Transformationsprozess (S. 12), in der Weise, wie es Stalder (2016) beschrieben hat. Denn die Digitalisierung ist keine creatio ex nihilo, sondern setzt auf bestimmten, kulturell geschaffenen Möglichkeitsbedingungen auf. So argumentiert auch Nasehi in seinem Buch „Muster – Theorie der digitalen Gesellschaft“(hier eine gute Rezension).

Die Konsequenzen der Digitalität für die Medienpädagogik / Digital Teaching & Learning beziehen sich auf das oben genannte breite Bedingungsgefüge. Darum reicht es – beispielsweise – auch nicht mehr aus, Medienkompetenz durch Trainingsprogramme zu vermitteln, oder Programmieren zu lernen (was ja immer wieder als eine Art Leit-Disziplin angeführt wird), da die digitale Transformation zu komplex, vielschichtig, heterogen und dynamisch ist. Lern- und bildungsrelevant sind nicht mehr nur kognitive Aspekte, sondern auch kulturell-ästhetische. Damit einher geht jedoch auch die Herausforderung, nach gegenstandsadäquaten Forschungsmethoden (S. 19). (Eine Möglichkeit wäre ein praxistheoretischer Ansatz).

Lehren und Lernen in der Digitalität

Die oben ausgeführten Überlegungen haben für mich die Konsequenz, „Digital Teaching & Learning“ als Lehren und Lernen in der Digitalität umzurahmen. Dabei geht es zunächst darum, den veränderten Rahmen aufzuzeigen und zu begründen:

  • Digital Teaching & Learning wurde bislang oft als Anpassungsleistung der Pädagogik an die Technik beforscht. Es ging um die Bestätigung (oder Widerlegung) der Wirksamkeit digitaler Medien und Technologien, d.h. wie diese am Besten in Unterricht und Lehre integriert werden können (mediendidaktische Perspektive). Ausschlaggebend war und ist, dass neue Medien einen „Mehrwert“ für Unterricht und Lehre haben – ein Argument, das hier sehr schön von Axel Krommer auseinandergenommen wird. Mit jedem neuen Medium kommen neue Studien hinzu. Die Befunde gelten dann nur für das jeweilige Medium und lassen sich nicht einfach auf neue digitale Medien transferieren. Auch ist die Wirkungshypothese oft als Einbahnstraße konzipiert, d.h. es geht um den Einfluss des Mediums auf das Lehren und Lernen und nicht so sehr um den umgekehrten Einfluss der kulturellen Praktiken auf die Technologie. Hier spielt der kommerzielle Bildungsmarkt eine verstärkende Rolle. Die Anbieter*innen sind am Verkauf wirksamer Technologien als Produkt interessiert, d.h. skalierbar ist und in vielen Schulen und Hochschulen eingesetzt wird. Anpassungen an das Lehr- und Lernverhalten sind darum kaum umsetzbar.
  • Pädagogische Reflexionsprozesse und mediale Artikulationen spielen aufgrund der oben angeführten mediendidaktischen Perspektivierung (digitale Medien als Hilfsmittel und Tools) sowie der ökonomischen Engführung (Ed-Tech als Bildungsmarkt; siehe dazu diesen Blogpost im Kontext von COVID-19) kaum eine Rolle (Quelle). Die Digitalität als gesellschaftliches Phänomen wird bisher in Schule und Hochschule im Kontext der Lehre kaum thematisiert.
  • Die breitere Perspektive der Digitalität erlaubt es neue mediale Handlungspraktiken als Lern- und Bildungsprozesse in Schule und Hochschule als „pädagogisch wertvoll“ zu begreifen und nicht als Abweichung einer vorgegebenen Norm.

Forschungsperspektiven

Lehren und Lernen in der Digitalität geht einher mit der Vervielfältigung kultureller Möglichkeiten und dem Erodieren bisheriger Praktiken, Organisationen und Institutionen. Dafür kennzeichnend ist ein Agieren in Netzwerken, die außerhalb der bisherigen schulischen/hochschulischen Formatierung liegen (Klassenzimmer). Schule/Hochschule fremdeln mit dieser Erweiterung und behalten die traditionellen Grenzen auch bei der Digitalisierung bei, wofür insbesondere das „Virtuelle Klassenzimmer“ steht.

Die Erweiterung schafft nun neue Lern- und Bildungsmöglichkeiten, die im Anschluss an die Bildungstheorie (z.B. Marotzki, Koller), als Veränderung / Transformation des Welt- und Selbstverhältnisses verstanden werden. Es geht dabei um den Umgang mit Kontingenz und Ambiguitäten, die in den letzten Jahrzehnten immer weiter zugenommen haben. Einfache Orientierungen durch traditionelle Normen und Werte sind kaum noch möglich. Die globalen Herausforderungen (Klimawandel, Migration) sind zu gewaltig, als dass sie noch mit einem Denken aus den 1950er-Jahren begegnet werden können. Stattdessen sind Flexibilisierung und Umorientierung wichtig, um sich in kontingenten Situationen zurecht finden zu können. Erforderlich ist dafür eine Offenheit für das Andere und Fremde, da die damit zusammenhängenden Irritationen Auslöser für Bildungsprozesse sein können. Bildung ist so auch nie abgeschlossen, sondern ein lebensbegleitender Prozess, der im Unterschied zur ökonomischen Engführung des lebenslangen Lernens die Person als Ganzes im Blick hat.

Diese Bildungsprozesse lassen sich aus einer praxistheoretisch und kulturwissenschaftlich orientierten Forschungslogik erschließen und rekonstruieren. Diese breite Rahmung ist passend zum oben eingeführten Verständnis der Digitalität als kulturhistorischer Transformationsprozess. Mit Verweis auf „Kultur“ ist auch die hier artikulierte Gefahr verbunden, dass unklar bleibt, was Kultur eigentlich kennzeichnet und dass Kultur normativ aufgeladen und dadurch stark wertend verwendet wird. Ich orientiere mich grundlegend am Verständnis der Kultur der Digitalität von Stalder und der Prämisse, dass alles Handeln und Agieren in der Welt heute medial vermittelt ist. Medien sind so auch immer Bildungsmedien und bestimmen wesentlich die Strukturen der Weltsicht – das sehen wir aktuell am Beispiel sogenannter alternativer Medien und ihrem Potenzial zur Radikalisierung von Weltsichten.

Digitale bzw. Medienkulturen bieten also vielfältige und nicht immer pädagogisch begrüßenswerte Lern- und Bildungsanlässe. Diese sind für Schule / Hochschule herausfordernd, da sie die bisherige Praxis des Medienhandelns in Frage stellen. Im Zentrum stand ein instrumentelles Verständnis: der bestmögliche Einsatz von Medien in Lehre und Unterricht. Die Forschung dazu hat über viele Jahre den Diskurs geprägt, blieb aber relativ zahnlos im Hinblick auf die Relevanz im Zusammenhang mit gesellschaftlichen Veränderungsprozessen.

Digital Education Lab

Um die vielschichtigen Überlegungen und Ideen übersichtlich zu halten, hilft ein übergeordnetes Konzept, wie zum Beispiel Digital Education Lab.

Das Lab schafft Raum für das Aushandeln und Reflektieren medialer Praktiken und steht an der Schnittstelle von formellen (Schule / Hochschule) und informellen Lernen. Es blendet die spielerischen, kreativen und widersprüchlichen Erfahrungen nicht als irrelevant ab, sondern begreift sich als Anlass, um darüber gemeinsam und partizipativ in einen Dialog zu kommen. Die sozialen Dynamiken der Peer-Communities gilt es aufzuspüren und für Lehren und Lernen in der Digitalität fruchtbar zu machen. Das Lab ist ein Austauschforum für Lehrende und Lernende, die sich mit gegenseitiger Neugier und Offenheit begegnen.

Untersucht werden die medialen Praktiken mit ethnographisch-partizipativen Verfahren, die über die reine Nutzung / Akzeptanz von digitalen Medien hinausgehen und dafür Einstellungen und tiefere Sinnstrukturen in den Blick nehmen. So können zum Beispiel sog. Ankerpraktiken, die leitende Funktion haben im Zusammenhang mit dem Handeln in Netzwerken untersucht werden.

Im Projekt AEDiL – AutoEthnographische Forschung zu digitaler Lehre und deren Begleitung wird ein solcher Ansatz realisiert und versucht, aus der Beschreibung persönlicher Erfahrungen kulturelle Veränderungen (gemeint sind damit die Konsequenzen aus der Umstellung der Lehre auf digitale Formate im Zusammenhang mit COVID-19).

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