Warum gute Lehre zwingend auch digitale Lehre sein muss

Die Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften hat mich für den Tag der Lehre am 01. Juni zu einer Keynote angefragt. Die Veranstalter wünschen sich ein Thema, das einerseits die Lehrenden anspricht, andererseits eine Perspektive für die zukünftige Entwicklung der Hochschullehre aufzeigt. Ich habe versucht, mich mit einem programmatischen Titel diesem Wunsch anzunähern.

Der Titel drückt eine Haltung aus, die an eine Bedingung, nämlich „digital“ / „digitaler Wandel“ geknüpft ist. Dies ist nicht selbsterklärend und leicht misszuverstehen, je nachdem was der eigene Standpunkt bzw. die eigene Agenda ist. Mein Einstieg ist die COVID-19-Pandemie als Katalysator für das Sprechen über „Digitalisierung“ in der Lehre. Durch die notwendige komplette Umstellung auf digitale Formate ist etwas passiert, was ich in Anlehnung an Johann Wolfgang von Goethe eine unerhörte Begebenheit für die Hochschullehre nenne.

Goethe und Schiller in Weimar

Ein charakteristisches Merkmal ist bei Goethe, dass es es überraschend und unerwartet ist. Die globale Krise, ausgelöst durch die Einstufung von COVID-19 als Pandemie im März 2020 war bis wenige Woche vorher nur für eine kleine Anzahl an Expert/innen unerwartet und überraschend. Die daraus folgende Konsequenz in der Hochschullehre ebenfalls. Denn nur notorische Optimisten sahen eine Situation kommen, in der alle Hochschulen in Deutschland breitflächig und ausnahmslos digitale Werkzeuge in der Lehre einsetzten. Die Lehre war nur noch in digitalen Formaten möglich. Interessanterweise gab es schon lange Prognosen, die das Ende der Präsenzlehre skizzierten, etwa vor zehn Jahren im Zusammenhang mit den Massive Open Online Courses. An der California State University sollte 2013 mit Online-Kursen für bestimmte Phasen des Studiums die Arbeit der Lehrenden weitgehend automatisiert, Kosten einspart und das Ende der Hochschule, wie wir sie kennen, eingeläutet werden. In Deutschland gab es bis zum Ausbruch der Pandemie eine durchaus lange Tradition des digital unterstützten Lehrens und Lernens, beispielsweise wurde in den 1990er-Jahren in Baden-Württemberg mit virtueller Lehre experimentiert. Die Diskurse um MOOCs und die Innovationen an einzelnen Hochschulen erreichten allerdings immer nur einen kleinen Ausschnitt der Zielgruppe, so dass der Überraschungseffekt groß war und man zu Beginn der Pandemie von einer Herkulesaufgabe ausging.

Ein weiteres Merkmal der unerhörten Begebenheit ist der Konflikt zwischen Ordnung und Chaos. Die Hochschulen verfügen über eine jahrhundertelange Tradition und bestimmte Praktiken sind bis heute sehr stabil geblieben (dies wird von Kritiker/innen immer wieder betont, ohne dabei die Änderungen im Kleinen ausreichend zu würdigen). Das betrifft zum Beispiel die Regelungen zu Prüfungen. Mit digitalen Technologien eröffnen sich neue Möglichkeiten, die aber durch fehlende rechtliche Absicherung und durch fehlende Notwendigkeit nicht genutzt wurden. In der Corona-Krise musste es dann schnell gehen mit Verordnungen der Länder und deren Umsetzung an den Hochschulen. Während die Umsetzung der Lehre mehrheitlich als gelungen / zufriedenstellend bezeichnet wurde, bleiben bei Online-Prüfungen noch Fragen offen.

Die Tatsache, dass die „Zwangsdigitalisierung“ so gut funktionierte ist angesichts der zuvor vermuteten Herkulesaufgabe als überraschend zu bezeichnen. Einen Einblick in die vielfältigen Anstrengungen zur Bewältigung der Krise in der Lehre gibt dieses Themenheft der Zeitschrift MedienPädagogik. In anderen Veröffentlichungen werden programmatische Empfehlungen formuliert, wie die Hochschullehre mit den Erkenntnissen aus der Pandemie umgehen sollte. Dazu zwei Beispiele:

  • “Die grundsätzliche Herausforderung liegt nun darin, dass in der Pandemie zutage getretene Defizite, aber auch Chancen und Möglichkeiten, in eine strategische Pfadentwicklung überführt werden.” (Sälzle et al., 2021, S.203) [Quelle: Sälzle, S. et al. (2021) Entwicklungspfade für Hochschule und Lehre nach der Corona-Pandemie: Eine qualitative Studie mit Hochschulleitungen, Lehrenden und Studierenden. Baden-Baden: Tectum – ein Verlag in der Nomos Verlagsgesellschaft. doi:10.5771/9783828877351]
  • “Viele Aspekte des durch die Pandemie ausgelösten Change-Prozesses lassen sich offenbar nicht binnen zwei oder drei Jahren zu einem robusten Ergebnis führen. (…) Umfassende Veränderungen an den strategischen Leitlinien der Hochschulen, die ihrer Natur nach langfristig angelegt sind, sind bislang eher selten erkennbar.” (Lübcke et al., 2022, S.84) [Quelle: Lübcke, M. et al. (2022) Zukunftskonzepte in Sicht? Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die strategische Hochschulentwicklung. Arbeitspapier 63. Berlin: Hochschulforum Digitalisierung]

Im Unterschied zu früheren Zeiten, in denen E-Learning noch ein Randphänomen war mit durchaus regen Forschungsaktivitäten, die jedoch nicht zu strukturellen Veränderungen in der Hochschullandschaft führten, soll dies nun passieren. Es braucht strategische Überlegungen, wie mit der Digitalisierung in der Hochschule umzugehen ist. An Anleitungen und Hilfestellungen gibt es einiges dazu, etwa einen Online-Kurs des Hochschulforum Digitalisierung. Bis solche Strategieprozesse entwickelt, umgesetzt und zu kulturellen Veränderungen geführt haben, wird einige Zeit vergehen (darauf verweist das zweite Zitat). Wie bereits veröffentlichte Digitalisierungsstrategien (z.B. Ruhr-Universität Bochum) zeigen, versuchen Hochschulen sich dem Phänomen der Digitalisierung vorsichtig anzunähern und stellen dazu Leitplanken auf. So soll die Digitalisierung nicht sich selbst dienen, sondern instrumentellen Charakter haben, etwa um die Lehre zu flexibilisieren.

Inwieweit diese strategischen Ziele gelingen ist eng mit dem Verständnis von Digitalisierung verbunden. Man könnte annehmen, dass durch den seit einigen Jahren geführten Diskurs zur Digitalisierung der Hochschule (siehe dazu paradigmatisch das Hochschulforum Digitalisierung) ein Minimal-Konsens entstanden wäre. Das scheint mir (noch) nicht der Fall zu sein, da die Debatte oft polarisierend geführt wird. Eine kulturpessimistische Sichtweise betont den Verlust der Autonomie von Hochschulen und Lehrende durch digitale Technologien und KI, während auf der anderen Seite die fortschrittsorientierte Perspektive die digitale Bildungsrevolution ausruft. Die Wahrheit liegt wohl wie so oft in der Mitte.

Für ein ausgewogenes Verständnis habe ich auf das Buch Muster von Armin Nassehi zurückgegriffen, indem er eine soziologische Argumentation entwirft. Für ihn ist die Digitalisierung direkt gekoppelt mit gesellschaftlichen Erwartungen, auf diese direkt reagiert wird. Gleichzeitig setzen digitale Technologien immer gesellschaftlichen Strukturen und Prozessen voraus und können diese transformieren. Nasssehis Beispiel ist die Rundfunktechnologie, die auf der Idee der Erreichbarkeit beruhte und zur Umsetzung auf die bestehenden gesellschaftlichen Herrschaftsstrukturen zurückgreifen konnte. Ähnlich könnte man den Aufstieg von Social Media durch das gesellschaftlich verankerte Mitteilungsbedürfnis sowie die soziale Praxis des Stammtisches beschreiben. Die Wirkung der Digitalisierung lässt sich nach Jöran Muuß-Merholz als „großer Verstärker“ darstellen. Bei einem guten didaktischen Ansatz lassen sich – so die Annahme – die positiven Effekte verstärken und bei einem weniger guten Ansatz eher verschlimmern.

In Diskussionen zur Digitalisierung wird noch oft ein anderes Bild vermittelt.

Wie in den 1990er-Jahren, als die AOL-Werbung mit Boris Becker populär war, wird heute digitale Lehre von Präsenzlehre abgegrenzt bzw. gegeneinander ausgespielt. Das hilft für ein reflektiertes Verständnis nicht weiter, sondern eher sich den verschiedenen Bedingungen von digital und analog bewusst zu werden. Zu fragen ist, wie sinnvoll ein Vergleich digitaler mit analoger Formate oder analoger und elektronischer Medien ist. Macht es Sinn, vom Mehrwert digitaler Medien zu sprechen und diesen als Legitimation zu fordern? So also ob sich digitale Medien erst gegenüber den klassischen Medien beweisen müssten. Auf der anderen Seite: Ist es gerechtfertigt, digitalen Technologien eine inhärente Wirksamkeit zu unterstellen, wodurch der Einsatz bestimmter innovativer Werkzeuge automatisch zu besseren Lernergebnissen führt? Ein Blick „hinter die Kulissen“, d.h. auf das in den Technologien eingeschriebene pädagogische Verständnis ist darum wichtig.

Was bedeutet das nun für die Herausforderungen der Hochschulbildung, wie sie aktuell vom Wissenschaftsrat in einem Papier dargelegt wurden? Die Digitalisierung kann als Verstärker / Hebel wirken, um den grundsätzlichen pädagogischen Ansatz von Hochschulen weiterzuführen. So banal es klingt, aber ohne (digitale) Medien keine Bildung. Das „Wie“, ist nun spannend. Wie lassen sich digitale Medien / Technologien in den vielfältigen Kontexten optimal einsetzen? Einen Masterplan gibt es nicht. Eher allgemeinere Modelle wie die Hy-Flex-Courses:

  • Teilnahme in Präsenz
  • Synchrone Online-Teilnahme
  • Teilnahme an asynchronen Lehraktivitäten

Jedes Modell erfordert ein eigenes Learning Design, das sorgsam entwickelt werden muss und wofür es Kompetenzen von Lehrenden braucht. Wünschenswert ist nicht nur ein Modell ausschließlich anzubieten, sondern zwei (oder drei) zur Wahl zu stellen. Mit der technischen Ausstattung / Aufrüstung von Räumen ist ein erster Schritt gemacht, es sind jedoch noch tiefergehende konzeptionelle Überlegungen notwendig. Für die heterogene Studierendenschaft wären flexible Lernpfade auch ohne hochtechnisierte Personal Learning Environments möglich.

Learning Design war und ist ein zentrales Paradigma an der Open University in UK auf institutioneller Ebene. Um den digitalen Wandel nachhaltig zu gestalten, angepasst und ausgerichtet an den Bedarfen der Hochschulen und mit einem relativ hohen Wirkungsgrad.

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