Vortragstext – Die Versprechen der digitalen Bildung

Am Montag stelle ich meine Überlegungen zur These „Das Versprechen der digitalen Bildung und die Rolle der Hochschule“ im Rahmen der Ringvorlesung an der Goethe Universität Frankfurt vor.

Es wird eine Aufzeichnung geben. Zusätzlich stelle ich im Folgenden den Vortrag als Text vor. Er ist dabei nicht als Redemanuskript, sondern als eigenständiger Beitrag für die Nachbereitung gedacht. 

Um was geht es mir?

Mit den Versprechen der digitalen Bildung möchte ich einen Begriff einführen, der helfen soll, die digitale Transformation in der Hochschule aus einer kritischen Perspektive zu beleuchten. Mit der COVID-19-Pandemie haben digitale Technologien sehr viel Aufmerksamkeit erlangt und erscheinen als alternativlos, um den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten. Das kommt jedoch nicht von ungefähr, vielmehr wurde seit den 1990er-Jahren ein bestimmtes rhetorisches Repertoire aufgebaut, das die Einführung von Technologien begleitet und diese aufwertet. Das war darum erfolgreich, weil zur gleichen Zeit ein „Krisendiskurs“ stattfand, bei dem die Leistungs- und Zukunftsfähigkeit der Hochschulen in Zweifel gezogen wurden. 

Charakteristisch für den Krisendiskurs ist das Buch „University in Ruins“ aus dem Jahr 1996, das aufmacht mit der These

It is no longer clear what the place of the University is within society nor what the exact nature of that society is, and the changing institutional form of the University is something that intellectuals cannot afford to ignore. (…) In short, the University is becoming a different kind of institution, one that is no longer linked to the destiny of the nation-state by virtue of its role as producer, protector, and inculcator of an idea of national culture.“ (S. 2f)

Was hier und an anderen Stellen deutlich wird, ist die Verschiebung der Mission der Hochschule von einem allgemeinen, abstrakten Bildungsauftrag (ausgerichtet auf Wissenschaft und Einheit von Forschung und Lehre), der auf die Reformen von Wilhelm von Humboldt zurückgeht zu einer neoliberalen Ausbildungsstätte. Auch wenn sich Hochschulen heute weiterhin auf die Humboldtschen Bildungsideale berufen, folgt die Praxis einer anderen Logik. Es geht heute nicht mehr bildungsphilosophisch, sondern pragmatisch und effizient zu.

Wie in anderen Teilen des öffentlichen Sektors auch soll gemäß der „neoliberalen“ Doktrin Wettbewerbsdruck ins Universitätssystem einziehen, um eine Effizienz- und Effektivitätssteigerung von Lehre und Forschung herbeizuführen. NPM [New Public Management] heißt für die einen das Zauberwort, für die anderen der Fluch.

Schimank, U. (2014). Krise – Umbau – Umbaukrise? In N. Ricken, H.-C. Koller, & E. Keiner (Hrsg.), Die Idee der Universität—Revisited (S. 33–44). VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hochschulen sind also reformbedürftig und dabei spielen digitale Technologien eine große Rolle, bieten sie doch geeignete Instrumente für die Modernisierung an. Auch können wir es in anderen gesellschaftlichen Bereichen wie der Arbeit sehen, wie Technologien dazu beigetragen haben, Prozesse und Praktiken weiterzuentwickeln. Das muss doch auch in der (Hochschul-)Bildung funktionieren! Das ist ein zentrales Argument, das zusammen mit anderen die Versprechen der digitalen Bildung bildet.

Die Versprechen der digitalen Bildung

Es ist eine Selbstverständlichkeit geworden, Technologien allgemein und digitale Technologien im Besonderen mit positiven Erwartungen für den Bildungsbereich zu verbinden. Für Selwyn gibt es eine unwidersprochene These, wonach Technologien für die Bildung eine gute Sache sind. (Man kann sich fragen, warum sich dann Schulen und Hochschulen so lange so schwer mit neuen Technologien tun.) Es ist eine These, die an die Einrichtungen herangetragen wird und dort nicht immer auf Resonanz trifft. Auch fehlt es an Evidenz für die Wirksamkeit von Bildungstechnologien, was mit dem Phänomen „No-Significant-Difference“ zum Ausdruck gebracht wird. Zu beobachten ist weiterhin die Tendenz, wonach sich neue Technologien meist am Bestehenden (z.B. dem Schulsystem) orientieren und technologische Lösungen für Probleme, die viel tiefer liegen anbieten. Die eigentlichen Probleme werden nicht in Frage gestellt, denn man will daran möglichst lange verdienen. So kann es dazu kommen, dass Technologien problemverstärkend wirken.

Nichtsdestotrotz hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Rhetorik aufgebaut, die viel daran setzt, Technologien als unausweichliche Lösung für die Bildung darzustellen. Damit will ich natürlich nicht das Gegenteil behaupten, also dass Technologien so weit wie möglich aus der Bildung herauszuhalten sind, sondern dafür werben, genauer und kritischer die Versprechen in den Blick zu nehmen. Es gibt eine Reihe von Prämissen, mit denen ein Handlungs- und Erwartungsdruck an die Hochschulen aufgebaut wird. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass die Annahmen von außen kommen. So etwa das Argument, digitale Technologien spielen in vielen gesellschaftlichen Bereichen eine Rolle; warum also nicht auch in der Bildung? Schaut man sich den Unterhaltungsbereich an mit den vielen Streaming-Diensten, die auf smarte Weise die Nutzer:innen mit Musik und Filmen versorgen, so ist es nicht schwer, sich ein Spotify oder Netflix auch für die Bildung vorzustellen. Bereits vor fast zehn Jahren im Kontext des Aufkommens der Massive Open Online Courses hat Clay Shirky dies in seinem Post Napster, Udacity, and the Academy gemacht.

Wenn es also nicht die Hochschulen sind, dann kann und sollte man sich fragen, wer ein Interesse an der Erzählung „Versprechen digitaler Bildung“ hat. Es zeigt sich in den letzten Jahren deutlich, dass mit zunehmendem Fortschreiten der technologischen Entwicklung auch die Vehemenz, mit der die Plädoyers vorgetragen werden, zunimmt. Es finden sich in der Debatte dann Anklänge an die Apokalypse („The End of the World as we know it?“) oder an die Erlösung (die digitale Bildungsrevolution). Nüchtern betrachtet verbergen sich hinter solchen Metaphern wirtschaftliche Interessen, da mit Ed-Tech viel Geld verdient werden kann – allerdings (noch) nicht in Deutschland. Die Politik hat ein eigenes Interesse, ihre Aktivitäten für die Förderung der Digitalisierung in einem besonders innovativen Licht erscheinen zu lassen, siehe dazu die kürzlich veröffentlichte Ausschreibung des BMBF für den nationalen digitalen Bildungsraum.

Corona und die „Zwangs-Digitalisierung“

Es gibt viele Vergleiche dafür, wie die Pandemie die Gesellschaft getroffen hat (z.B. Brennglas oder Katalysator). Einen möchte ich hier noch hinzufügen, den Realitätsabgleich. Durch Corona sind alle Hochschulen über Nacht dazu gezwungen worden, ihren Betrieb komplett auf digitale Formate umzustellen. Aus der Not wurde rasch eine Tugend gemacht und mit viel Engagement und finanzieller Unterstützung fanden die Hochschulen den Weg in die digitale Transformation, den sie eigentlich schon lange hätten beschreiten sollen. Am Anfang stand die Herkulesaufgabe, die dann „erstaunlich gut“ bewältigt wurde. Kommen so die Hochschulen verspätet in den Genuss der Versprechen wie Effizienz, zeitliche und räumliche Flexibilität oder besser auf das Lernverhalten der Studierenden abgestimmte Angebote? Meine Antwort ist: nur eingeschränkt. Denn die Technologien, die im Schnellverfahren angeschafft wurden, sind nur die eine Seite der Medaille. Was fehlt sind didaktische E-Learning-Kompetenzen der Lehrenden (für die es seit vielen Jahren Angebote gab, die aber nur zögerlich angenommen wurden, da die Hochschulen nach dem Prinzip der Präsenz-Lehre funktionieren) und an die Bedingungen der Digitalität angepasste Regelungen. So beschränken etwa viele Lehrverpflichtungsverordnungen die Anrechnung für die Erstellung digitaler Formate und schaffen damit einen negativen Anreiz. Schließlich ist der E-Learning-Support an den Hochschulen nicht ausreichend verstetigt, wie in dieser aktuellen Studie deutlich gemacht wurde.

Auch wenn bereits vom „new normal“ der Hochschullehre gesprochen wird, braucht es noch einige Zeit zur Verarbeitung und Reflexion der Erlebnisse aus den Corona-Semestern. Dabei sollten wir uns an die Versprechen digitaler Bildung erinnern und uns fragen: Sind das Versprechen, mit denen wir die Studierenden ansprechen wollen? Falls nicht, wie könnten dann (alte) Versprechen wie der Aufstieg durch Bildung im Lichte der aktuellen Erfahrungen neu formuliert werden? Und wie können wir die relevanten Hochschulgruppen bei der Formulierung miteinbeziehen?

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