Fortführung der These „Die Versprechen digitaler Bildung“

Die FH Aachen veranstaltet am 07. Oktober 2021 einen Tag der Lehre und hat mich für eine Keynote angefragt.

Wie bereits bei meinen letzen Vorträgen werde ich in mehreren Blogposts meine Ideen und Ausarbeitungen dokumentieren und zur Diskussion stellen.

Die grundlegende Idee für den Vortrag – Fortführung der These „Die Versprechen digitaler Bildung“

Im Vortrag nehme ich die aktuelle Situation (= drei „Corona-Semester“) zum Anlass, über die Zukunft der Hochschullehre nachzudenken. Die Notwendigkeit dazu wird in den Debatten mit zunehmender Vehemenz eingefordert (siehe etwa den Artikel „Macht die Unis auf“, erschienen am 16.07.21 in der Süddeutschen Zeitung).

Konkret möchte ich zwei Meldungen herausgreifen, die exemplarisch für zwei bestimmte Diskurse stehen, auf die ich im weiteren Verlauf näher eingehe. Diese beiden Positionen werde ich danach mit einer kritischen bildungswissenschaftlichen Analyse rahmen.

Man könnte dieses Vorgehen auch als dialektisch bezeichnen.

Diskurs I: Die Binnenperspektive

Hier geht es um eine Sicht auf Hochschule, die aus der Hochschule selbst kommt. Verdeutlichen möchte ich das mit einer Pressemitteilung der Hochschulrektoren Konferenz (HRK), die am 16. Juli veröffentlicht wurde. Dabei wird auf folgende mögliche Szenarien, unter Einhaltung der 3G-Regel verwiesen:

  • „Übungen und Seminare können mit Maske und unter Einhaltung der Abstands- und Lüftungsregeln in Präsenz, größere Vorlesungen eher digital durchgeführt werden.
  • Hybride Formate mit der Möglichkeit, digital oder auch in Präsenz teilzunehmen, werden angeboten, sofern dies didaktisch sinnvoll, technisch möglich und finanzierbar ist. Angesichts der hier gegebenen komplexen Anforderungen werden hybride Formate nicht die Regel sein können.“

Der Wunsch nach so viel wie möglich Präsenz ist vor dem Hintergrund der Erfahrungen aus den letzten Semestern überaus nachvollziehbar. Soziale und psychische Probleme waren und sind groß (siehe dazu etwa die Studie der AOK). Digitale Möglichkeiten, die nach kurzen anfänglichen Schwierigkeiten „erstaunlich gut“ genutzt wurden, sind noch zu sehr auf technische Funktionalitäten und zu wenig auf pädagogische Bedarfe fokussiert.

Gleichzeitig ist der Wunsch deutlich vernehmbar, dass ein Zurück zur Präsenz nicht die vielfältigen Lernerfahrungen aus den Corona-Semestern ignorieren sollte. Es war ein bisher eimaliges Ereignis, dass Hochschulangehörige in kurzer Zeit mit dem Phänomen der Digitalisierung in Berührung gekommen sind. Ein Phänomen, das bis dato nur von einer kleinen Gruppe Interessierter bearbeitet wurde (exemplarisch dazu die erste Phase des Hochschulforum Digitalisierung von 2014 bis 2016).

Diskurs II: Die Außenperspektive

Was Hochschulen sein sollten und wie sie sich zu verändern haben, wird in dieser Sichtweise von außen herangetragen. Beispielhaft dazu die Pressemitteilung zur Übernahme der edX-Plattform durch das US-EdTech-Unternehmen 2U zum Preis von 800 Millionen Dollar. Verbunden mit dieser Meldung ist die These, wonach Ed-Tech-Unternehmen mittlerweile die Fähigkeit angenommen haben, dem traditionellen Geschäft der Hochschullehre grundlegende Veränderungen aufzuzwingen (disruptive Innovationen). Hochschulen sind demnach von sich aus eher veränderungsresistent, wohingegen Anbieter wie Khan Academy oder Coursera die Zeichen der Zeit verstanden haben und Technologien, Hard- und Software für personalisierte digitale Bildung einsetzen und damit Millionen von Lernenden weltweit erreichen.

Die These der disruptiven Innovation ist ab Mitte der 2000er Jahre populär geworden, angetrieben durch das 2008 veröffentlichte Buch Disrupting Class des Anfang 2020 verstorbenen Harvard Professors Clayton Christensen. Vor dem Hintergrund der durch technologische Innovationen ausgelösten sozialen Veränderungen in der Wirtschaft oder im Medienbereich, prognostizierte Christensen dass auch Schulen und Hochschulen fundamentale Veränderungen durchmachen werden. Berühmt geworden sind seine steilen Thesen, so z.B. als er 2011 prognostizierte, dass in zehn bis fünfzehn Jahre die Hälfte der US-amerikanischen Universitäten bankrott wären. Verantwortlich für die Innovationen sind weniger die Hochschulen, sondern die Ed-Tech-Industrie mit Angeboten der oben bereits genannten Khan-Academy oder der MOOC-Plattformen.

Mit dem sogenannten Year-of-the-MOOC 2012 wurde ein vorläufiger Höhepunkt der Disruptions-Rhetorik erreicht, bis 2013 einer der prominentesten Evangelisten, Sebastian Thrun, sein eigenes Produkt als „lausig“ bezeichnete. Seitdem sind die Vorhersagen zur Zukunft der Hochschulen etwas gemäßigter geworden.

Ich gehe allerdings von der begründeten Annahme aus, dass die kühnen Claims durch die Corona-Pandemie und den damit verbundenen wirtschaftlichen Aussichten in neuem Gewand wieder erscheinen. Dazu mehr in einem weiteren Blogpost.

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