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Die ideologische Pipeline: Wie rechtes Denken vom Silicon Valley in demokratische Institutionen einsickert

Am Freitag, den 24. Juli 2026, bin ich zu Gast beim Lunch Talk am Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) in Berlin. In kompakter Form stelle ich dort ein laufendes Forschungsprojekt von mir vor, das aktuelle digitalpolitische Entwicklungen aufbereitet und für eine kritische Medienpädagogik bearbeitbar macht.

Darum geht es

Die Digitalisierung wurde lange als Fortschrittsversprechen erzählt, durch das Hierarchien abgebaut und Wissen demokratisiert wird. An die Stelle dieser Versprechen sind inzwischen Weltanschauungen getreten, die die liberale Demokratie offen in Frage stellen. Mit der Figur der „ideologischen Pipeline“ zeige ich, wie rechtslibertäres Denken vom äußersten Rand des Netzes bis in die Mitte demokratischer Institutionen, u.a. bis in die Hochschule, wandern konnte, ohne als solches erkannt zu werden. Das rechte Denken entwickelt sich nicht im Geheimen – die Gesellschaft wollte lieber nicht so genau nachschauen.

Die Argumentation im Detail

Diagnose: der geplatzte Traum

Wer heute ins Silicon Valley schaut, sieht keine Versprechen mehr, sondern Weltanschauungen, deren Ziel die vollständige Abschaffung der liberalen Demokratie weltweit ist. Spätestens als Elon Musk Anfang 2025 mit dem „Department of Government Efficiency“ Zugang ins Zentrum des US-Staatsapparats erhielt, wurde offensichtlich, dass etwas ins Wanken geraten ist. Diese Verschiebungen fallen in eine Zeit sich überlagernder Krisen (Klima, Krieg, soziale Spaltung, schwindendes Vertrauen in Institutionen), auf deren Nährboden der von Evgeny Morozov geprägte „technologische Solutionismus“ gut gedeiht. Technik verspricht Lösungen dort, wo die Politik ineffizient bleibt. Diagnosen wie die von Rainer Mühlhoff (Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus) oder Becca Lewis (2025) entfalten deshalb eine solche Wucht, weil sie mit dem zentralen Narrativ der Digitalisierung brechen.

Die Figur der Pipeline

Um Entstehung und Wirkungsweise dieser Entwicklung aufzuschlüsseln, schlage ich den Begriff der „ideologischen Pipeline“ vor. Eine Pipeline transportiert etwas unsichtbar von einem Ort zum anderen; sichtbar sind nur die beiden Endpunkte, aber nicht die Leitung dazwischen. Für mich wichtig sind dabei drei Ebenen: die Fracht (ein rechtslibertäres bzw. rechtsautoritäres Denken), die Ideologie, in die sie eingebettet ist (der Cyberlibertarismus, im Anschluss an Winner 1997 und Golumbia 2024), und die Pipeline selbst als Transportfigur ihrer Verbreitung. Der eine Endpunkt liegt am äußersten rechten Rand des Internet, bei der sog. Neoreaction, auch als NRx bezeichnet, bzw. dem „Dark Enlightenment“ um Nick Land und Curtis Yarvin, deren Ideen zunächst in Blogs und Foren zirkulierten, bevor sie über Figuren wie Peter Thiel politisch anschlussfähig wurden (Miranda 2026). Der andere Endpunkt liegt mitten in demokratischen Institutionen.

Was mir dabei wichtig ist: Die Pipeline ist keine Verschwörung und kein Masterplan, sondern eine nachzeichenbare Transportfigur. Das rechte Denken war im Digitalisierungsdiskurs nicht „von Anfang an“ als Programm angelegt, sondern ambivalent. Der Cyberlibertarismus trug gleichermaßen emanzipatorische wie markt-autoritäre Potenziale in sich, und seine reaktionäre Lesart ist eine von mehreren möglichen, kontingent gewordenen Aktualisierungen. Dass sie sich durchsetzen konnte, lag weniger an aktiver Tarnung als an einer weit verbreiteten Unaufmerksamkeit. Die Fracht lag durchaus offen zutage, doch der kritische Blick war getrübt von der „ekstatischen Begeisterung“ für das vernetzte Leben (Winner 1997) und von der Illusion, der demokratische Fortschritt sei nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unumkehrbar. Diese Illusion, so Jean-Yves Pranchère (2025), vernachlässigte jedoch die „intellektuelle Untergrabungsarbeit“, die längst im Gange war.

Zwei Mechanismen halten den Transport unauffällig. Der erste ist sprachlich: Der Cyberlibertarismus spricht nicht die Sprache der Rechten, sondern die der Liberalen: offen, frei, partizipativ. Golumbia (2024) zeigt, dass diese Vokabeln oft das Gegenteil dessen bewirken, was sie versprechen. Die Sprache der Demokratie wird gegen die Demokratie in Stellung gebracht. Der zweite ist strukturell: Anna-Verena Nosthoff (2026) beschreibt, wie die kybernetische Denkform Widersprüchliches (Freiheit und Kontrolle, Teilhabe und Steuerung) im selben Atemzug koppelt, und gerade deshalb so wirksam ist, weil sie unsichtbar geworden ist.

Materialisierung: das Ende der Camouflage

Mit wachsendem Einfluss der Tech-Elite schwindet die Notwendigkeit der Tarnung. Diese Materialisierung verläuft in drei Stufen zunehmender Zuspitzung. Ökonomisch als Plattformkapitalismus, in dem Teilhabe an der Oberfläche zur Bedingung der Machtkonzentration darunter wird. Politisch als „Muskismus“ (Slobodian & Tarnoff 2026). Der frühe cyberlibertäre Traum vom Austritt aus dem Staat kippt in den Versuch, ihn zu übernehmen. Und schließlich institutionell in der Hochschule, wo die Pipeline auf zwei Ebenen zugleich wirkt: begrifflich, indem Bildungsvokabeln wie Offenheit, Teilhabe und Mündigkeit besetzt und ausgehöhlt werden (Open Washing, vgl. Weller 2014), und infrastrukturell, indem Lernplattformen, Learning Analytics und KI-Werkzeuge als Dispositive eine bestimmte Steuerungslogik in sich tragen. Beide greifen ineinander: Das Wort legitimiert das Werkzeug.

Thesen zur Diskussion

These 1: Das Politische der Medien und der digitalen Infrastrukturen ist konstitutiv und Technik und Ideologie bilden ein Bündel. Diesem zu begegnen heißt, Ausmaß und Vernetzung des rechten Denkens zu kennen. Wie heterogen und zugleich vernetzt dieses Denken ist, zeigt beispielsweise Arnaud Miranda (2026). Die „illiberale Front“ ist kein Monolith, sondern zerfällt in unterscheidbare Strömungen, wie Alt-Right, Postliberalismus oder Neoreaction, was wiederum mit der Tech-Right verbunden ist. Gemeinsam sind diesen Strömungen fünf Merkmale: (1) natürliche Ungleichheit, (2) anthropologischer Pessimismus, (3) Demokratie-Ablehnung, (4) ein „right to exit“ und (5) technologischer Optimismus.

Ein anschauliches Beispiel für die Sichtbarmachung im Sinner einer kartografischen Arbeit ist der Atlas de la pensée néoréactionnaire (Le Grand Continent 2025). Er analysiert ein Denken, das aus den digitalen Untergründen auftaucht, um sich zu einer institutionellen Vision zu verfestigen.

These 2: Kritik ist historisch-genealogisch. Das vermeintlich Alternativlose lässt sich als gewordene, politische Entscheidung lesbar machen. Mirandas Rekonstruktion der Neoreaction zeigt das exemplarisch. Sie entstand fast ausschließlich im Netz, bevor sie politisch vereinnahmt wurde, in drei Phasen: Genese (2006–2012, Yarvin als „Mencius Moldbug“), Kristallisation (2012–2014, Nick Lands „Dark Enlightenment“ und die Selbstkonstitution einer Online-Community) und politische Aneignung (ab 2014, wesentlich über Peter Thiel). Genealogie ist das Gegenteil von Teleologie: kein Masterplan, sondern eine nachzeichenbare und unterbrechbare Kette von Entscheidungen.

These 3: Demokratie braucht eigene Zukunftserzählungen — solche, die sich nicht vereinnahmen lassen. Was die neoreaktionären Ideologien geschafft haben, ist die Vorstellung von Zukunft zu kapern. Sie drängen dadurch demokratische Kräfte in eine defensive Rolle, in der diese nur noch die ererbten Werte der Aufklärung verteidigen. Nötig ist deshalb, die demokratische Imagination zu reaktivieren und die Zukunft zurückzugewinnen, mit eigenen Erzählungen statt bloßer Abwehr. Die Schwierigkeit liegt in der kulturellen Hegemonie des rechten Denkens, die progressive Bilder aufgreift und umwertet. Die „rote Pille“ ist das Paradebeispiel: ursprünglich ein Bild des Erwachens aus dem Film „The Matrix“, angeeignet und zum reaktionären Erkennungszeichen umgedreht. Neue demokratische Narrative müssen also so beschaffen sein, dass sie sich dieser Vereinnahmung entziehen.

 

Literatur

Golumbia, D. (2024). Cyberlibertarianism: The Right-Wing Politics of Digital Technology. University of Minnesota Press.

Lewis, B. (2025, 29. Januar). Headed for technofascism: The rightwing roots of Silicon Valley. The Guardian. https://www.theguardian.com/technology/ng-interactive/2025/jan/29/silicon-valley-rightwing-technofascism

Malik, M. (2025, 28. Juni). Atlas de la pensée néoréactionnaire. Le Grand Continent. https://legrandcontinent.eu/fr/2025/06/28/atlas-neoreactionnaire/

Miranda, A. (2026). Les Lumières sombres: Comprendre la pensée néoréactionnaire. Gallimard/Le Grand Continent.

Morozov, E. (2013). To Save Everything, Click Here: The Folly of Technological Solutionism. PublicAffairs.

Mühlhoff, R. (2025). Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus. Reclam.

Nosthoff, A.-V. (2026). Kybernetik und Kritik: Eine Theorie digitaler Regierungskunst. Suhrkamp.

Pranchère, J.-Y. (2025). La symphonie illibérale. Esprit, (7–8), 39–49. https://doi.org/10.3917/espri.2507.0039

Slobodian, Q., & Tarnoff, B. (2026). Muskismus: Aufstieg und Herrschaft eines Technoking. Suhrkamp.

Weller, M. (2014). The Battle for Open: How openness won and why it doesn’t feel like victory. Ubiquity Press.

Winner, L. (1997). Cyberlibertarian Myths and the Prospects for Community. ACM SIGCAS Computers and Society, 27(3), 14–19.

 

Präsentation

Categories: Ideologiekritik

admin

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